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BERGISCHE MORGENPOST, 15.04.2003

Sternstunde mit Kölner Ensembles

Barockes in Bonaventura

Obwohl Dietrich Buxtehudes (1637-1707) Kompositionen gleichsam eine Art von Stammplatz in den Orgelkonzerten überall und jederzeit genießen, kann sich der Musikfreund kaum ein Bild von dem Großmeister machen. Der junge Johan Sebastian Bach unternahm weite Fußmärsche, nur um ihn an der Orgel in der Lübecker Marienkirche spielen zu hören. In der Pfarrkirche von St. Bonaventura hatte nun ein vergleichsweise stattlicher Zuhörerkreis die Gelegenheit, dem zeitlebens seinem Nachruhm gegenüber zugeknöpften Großmeister auch persönlich näherzukommen.
Zu danken ist dies dem »Collegium Cantorum« und dem »Polygon Barockensemble« aus Köln. Unter der Leitung von Thomas Gebhard [sic!] deuteten sie die vollständig überlieferte Buxtehude-Komposition »Membra Jesu nostri patientis sanctissima« (Die allerheiligsten Gliedmaßen unseres den Tod am Kreuz erleidenden Jesus) in hoher Qualität aus. Dabei handelt es sich um sieben Kantaten nach teils biblischen, teils dichterischen, tief ins Mittelalter zurückgreifenden Texten.

Originell aber nicht starr

Sie sind kompositorisch in ein festes Schema von Solistenstellen, dem Chor der Solisten und dem großen Chor gefügt und wechseln in Arien und Chorbetrachtungen ab. Dies wurde begleitet durch ein Instrumentarium mit Barockviolinen, Viola da gamba, Orgelpositiv und der altertümlichen Chitarrone, einer Verwandte [!] der Laute mit 21 Saiten, doch hochragend wie eine Lanze.
Auf bewundernswürdige Weise sind die Gäste aus Köln dabei um den Originalklang bemüht, ohne aber im Puristischen zu erstarren. Im Gegenteil: Man konnte ein überaus lebendiges Musizieren mit großer Strahlkraft hören, nur dass dieses anders klang als bei Buxtehudes Zeitgenossen. Der berühmte Lübecker Organist stößt bis ans Dissonante vor, um das Leiden Christi im Leiden der Menschen zu spiegeln – weit entfernt etwa von Bach, der Gottes Lobpreis aus Vollkommenheit und Schönheit heraus singt. Diese Hinwendung zum Menschen, zum anonymen Menschen, der doch so gefährdeten Barockzeit, und die Überwindung von aller Widerstrittenheit bleiben über diese bewusst unauffällige und bescheidene Sternstunde in der Lenneper St. Bonaventura-Pfarrkirche hinaus haften. Auf zu einem neuen Buxtehude! hkp




Kölnische Rundschau, 15.04.2003